Der Paritätische NRW

Navigation

Eine gelbe Straßenbahn fährt vor einer Häuserfront entlang

Deutschlandticket Sozial: Mobilität als Wohnort-Lotterie

03.04.2025

Mobilität ist ein zentraler Faktor sozialer Teilhabe. Doch eine aktuell veröffentlichte Studie des Paritätischen Gesamtverbands zeigt erstmals, dass der Zugang zu vergünstigten Nahverkehrstickets in Deutschland stark vom Wohnort abhängt – mit alarmierenden schwarzen Löchern im Angebot. Der auf der Webseite des Paritätischen Gesamtverbandes kostenfrei zugängliche „Sozialticket-Atlas“ dokumentiert detailliert die erheblichen regionalen Unterschiede bei Sozialtickets. Der Verband fordert daher die Einführung eines bundesweit einheitlichen „Deutschlandticket Sozial“ für 25 Euro im Monat.

Vergünstigtes Ticket bundesweit uneinheitlich

Das 9-Euro-Ticket im Sommer 2022 machte deutlich, wie groß der Bedarf an bezahlbarer Mobilität ist. Besonders für Menschen mit geringen Einkommen bedeutete es eine erhebliche Entlastung. Mit der Einführung des Deutschlandtickets für zunächst 49 und mittlerweile 58 Euro pro Monat stehen jedoch viele Menschen vor enormen finanziellen Hürden. Menschen mit niedrigen Einkommen und Armutsbetroffene können sich das Ticket oft nicht leisten. Das Ziel eines „Deutschlandtickets für alle“ bleibt damit unerfüllt.
Der Sozialticket-Atlas zeigt einen Tarif-Flickenteppich mit gravierenden Lücken: Die Verfügbarkeit vergünstigter Nahverkehrstickets in Deutschland ist extrem uneinheitlich und ohnehin eher die Ausnahme. Während Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen sowie 28 Kommunen Sozialtarife für das Deutschlandticket anbieten, fehlen solche Angebote in großen Teilen des Landes komplett. Auch bei den Preisen gibt es erhebliche Unterschiede: In Würzburg kostet das vergünstigte Deutschlandticket nur 15 Euro, in Magdeburg hingegen 53 Euro.

Forderung nach „Deutschlandticket Sozial“

Auch bei den regional gültigen Sozialtickets gibt es je nach Region erhebliche Unterschiede, sowohl bei den Zugangsberechtigungen, als auch im Preis. Besonders problematisch: In 243 von 497 Landkreisen und Kommunen gibt es gar keine Sozialtarife. Zudem ist ein Stadt-Land-Gefälle erkennbar: Während drei von vier städtische Kommunen ein Sozialticket anbieten, ist es nur eine von drei ländlichen Kommunen.
„Der Flickenteppich bei Sozialtickets verschärft soziale Ungleichheiten“, warnt Katja Kipping, Geschäftsführerin des Paritätischen Gesamtverbandes und Abteilungsleiterin Sozial- und Europapolitik. „Wir brauchen ein einheitliches Sozialticket, das diese unwürdige und ungerechte Wohnort-Lotterie beendet.“
Notwendig sei die Einführung eines bundesweit gültigen „Deutschlandticket Sozial“ für 25 Euro monatlich. Dieses soll für alle Sozialleistungsempfangenden gelten, also Beziehende von Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag, Sozialhilfe, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung sowie Leistungen nach dem Asylbewerbergesetz.
Die Finanzierung eines Deutschlandticket Sozial wäre durch Umschichtungen innerhalb des Verkehrsbudgets leicht möglich: Allein 2020 flossen 25 Milliarden Euro in klimaschädliche Subventionen im Verkehrssektor. Ein bundesweites Sozialticket würde weniger als 1,5 Prozent dieser Summe erfordern. Auch der europäische Klima- und Sozialfonds für Wärme und Verkehr könnte für eine Übergangsfinanzierung genutzt werden.

Über die Studie

Der Paritätische ist einer der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland. Er ist Dachverband von 10.800 eigenständigen gemeinnützigen Organisationen im Sozial- und Gesundheitsbereich.

Die Studie (36 Seiten) ist als pdf-Datei auf der Webseite des Paritätischen Gesamtverbandes ab sofort kostenlos abrufbar. Sie ist dort auch in Leichter Sprache als pdf-Datei kostenlos abrufbar. Weblink: https://www.der-paritaetische.de/sozialticket  

Dazu gibt es eine interaktive Karte „Ermäßigte Deutschlandtickets für Einkommensarme“ mit Detailinformationen auf Basis von Abbildung Karte 1 (Studie S. 7).

Außerdem gibt es eine interaktive „Karte Deutschlandticket für junge Menschen“ mit Detailinformationen auf Basis von Abbildung Karte 3 (Studie S. 11).

Das Sozialticket aus NRW-Perspektive

Aus NRW-Perspektive ergänzt Andrea Büngeler, Vorständin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW:  

"Der Sozialticket-Atlas zeigt: Das in ganz Nordrhein-Westfalen verfügbare ‘Deutschland-Ticket Sozial’, ein Sozialticket auf Basis des Deutschlandtickets, kann als Vorbild für das Bundesgebiet dienen. Während die Ticket-Modelle anderer Länder und Kommunen oft nur in den Grenzen der Verkehrsverbünde oder Kommunen gelten, können die Nutzer*innen des NRW-Sozialtickets auch über die Stadtgrenzen hinaus am Leben teilhaben. Dieses Modell sollte jetzt, mit angemessenen Preisen, auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet werden. 
Es gibt einen Wermutstropfen: Für viele Menschen ist das ‘Deutschland-Ticket Sozial’, wie viele Sozialtickets, immer noch unbezahlbar: 48 Euro für passen nicht zur Realität der Menschen im Sozialleistungsbezug. Im aktuellen Bürgergeld-Regelsatz sind 45,02 Euro im Monat für Mobilität vorgesehen. Wie es gehen kann, zeigt etwa der Kreis Steinfurt, welcher das Ticket für 34 Euro anbietet. 
Hier ist der Bund gefragt. Denn klar ist: Mobilität kostet Geld. Wir brauchen eine gemeinsame, verlässliche Finanzierung für die Zukunft und kein Zurück zum Tarifdschungel. Weder beim Deutschland-Ticket, noch beim Sozialticket."